Als der Kirchturm ohne Dach war

Exklusive Fotos und Bericht der Generalsanierung vor 50 Jahren

Sie war eine der waghalsigsten Baustellen und von allen Himmelsrichtungen aus zu sehen: die Kirchturmsanierung im Jahr 1971. Das Turmdach wurde vollständig abgetragen, neu abgebunden, aufgerichtet und verkleidet. Seitdem sitzt es wie eine „Eins“ am Glockenturm und ist ein weit hin sichtbares Symbol. 2021 jährte sich die Sanierung des Vorchdorfer Wahrzeichens zum 50. Mal. Der Zimmermann Hermann Edlinger und der Maurer Franz Hufnagl waren damals als junge Handwerker dabei. Die Redaktion von vorchdorfonline und VORchdorfer Tipp hat die beiden zum „Runden Dachjubiläum“ getroffen. 

„Das Holz war morsch, der Turm musste bis zum Mauerwerk weg“.

„Eigentlich wollten wir die Dachschindeln unter der Laterne austauschen, doch dann kam alles anders“, erinnert sich Hermann Edlinger an die ersten Momente der Großbaustelle. Bereits im Jahr 1954 wurde der Turm oberhalb der „Laterne“ mit Kupferblech verkleidet. Die Zwiebelkonstruktion beließ man mit den traditionellen Holzschindeln. Es war nicht ungewöhnlich, dass die Dachschindeln von Zeit zu Zeit auszutauschen waren. Immerhin handelt es sich um ein Naturmaterial und der Turm ist in der großen Höhe allen Witterungselementen schutzlos ausgeliefert. Leider entstanden im darüber liegenden Kupferdach aus den 1950er-Jahren Einschusslöcher von der Taubenjagd. Das hat mitunter dazu geführt, dass Feuchtigkeit in die Konstruktion eindrang und das Jahrhunderte alte Holz modrig wurde. 

Als in den ersten Frühjahrtagen 1971 eine Begutachtung stattfand, stellte man zum Entsetzen fest, dass es schlimmer war als erwartet. Die Unterkonstruktion war morsch und das Holz sehr stark verwurmt. Es musste der Entschluss gefasst werden, das Turmdach zur Gänze neu aufzubauen. Pfarrvikar P. Markus Mittermayr betraute die Firma Schmiedinger (heute Baufirma Sodian) mit den Arbeiten. Franz Hufnagl erinnert sich: „Eigentlich hätte ich im April einrücken müssen, aber der Chef hat gesagt, dass er mich am Turm brauche.“ Baumeister Schmiedinger war ehemaliger Landtagsabgeordneter, hatte gute Verbindungen und konnte den Einrückungstermin verschieben.  

Mühsame Arbeit in luftiger Höhe

Schritt für Schritt wurde ein Gerüst gebaut und das Turmdach vollständig abgetragen. Einen Baukran gab es nicht. Zum Auf- und Abziehen sämtlicher Bauteile war die „Baby-Winde“ im Einsatz. Eine Luke für den damals üblichen Materialseilzug befand sich zwischen Kirche und Pfarrhof. Die Arbeiten erforderten Mut und Geschick zugleich, zur Sicherheit diente ein Gerüst und es herrschte absolutes Rauchverbot.

Nachdem das Dach abgetragen war, begannen die Abbindarbeiten am Holzplatz der Firma Schmiedinger in Theuerwang. Die Zimmerleute der Ternberger Firma Förster legten erfahren Hand an. Hermann Edlinger erinnert sich: „Damals hab‘ ich extrem viel gelernt und mir viele Tricks und Kniffe der Zimmerleute abgeschaut“. Die große Kunst bestand darin, das Dachwerk und die Romenaden für das Zwiebeldach und die geschwungenen Formen so originalgetreu wie möglich zu rekonstruieren. 

In Theuerwang neu abgebunden

Im Sommer 1971 war es dann soweit und der Dachstuhl war abgebunden. Mit viel Fingerspitzengefühl zogen die Arbeiter die Tramen und die nachgebauten Romenaden über die Baby-Winde hinauf auf den Turm. Im ersten Schritt wurden die bis zu 12 Meter hohen Säulen gesetzt und Schritt für Schritt wuchs die Baustelle wieder in den Himmel. Insgesamt waren drei Arbeitsbühnen notwendig. 

Trotz schwindelerregender Höhen und Arbeiten bei jedem Wetter war äußerste Präzision gefragt. Immerhin ging es darum, die acht Gratlinien (Außenkanten) vom Fuß bis zum Kreuz in einer Linie hochzuziehen. Und tatsächlich - wenn man von unten nach oben sieht, ziehen sich die Außenkanten „wie eine Eins“ durch. Hermann Edlinger ist noch heute stolz „Des war Zentimenter-Arbeit!“. 

Blitzeinschlag am 4. August: „Plötzlich hat es geknaxt und wir sind am Hintern gesessen“

Besonders im Gedächtnis blieb der 4. August. Edlinger und Hufnagl befanden sich auf der obersten Arbeitsbühne und waren beim Verbrettern des Gebälks. Eine Gewitterwolke zog in der Lambacher Gegend umher, in Vorchdorf war die Witterung unbedenklich. „Plötzlich hat es ‚geknaxt‘ und wir sind am Hintern gesessen“, erinnert sich Franz Hufnagl über den Blitzeinschlag am frühen Nachmittag. Gott sei Dank legte man großen Wert auf den Blitzschutz, und beide konnten zwar „kreidebleich“, aber ansonsten unversehrt vom Turm herabsteigen. Auch die Pfarr-Chronik berichtet über den Blitzeinschlag und darüber, dass die erst 10 Jahre alte elektrische Turmuhr großen Schaden nahm. 

Turmkreuzsegnung im Herbst

Der schönste Tag war die Turmkreuz-Setzung am 5. September 1971. Hoch oben steckten die Handwerker das neu errichtete Turmkreuz. Vorher wurde traditionell die Turmurkunde im Rohr unter dem Turmkreuz eingeschweißt. Und wie es Brauch war, tranken die Bauarbeiter einen Schluck Wein aus extra angefertigten Gläsern und schmissen diese in einem weiten Bogen über die zuschauende Menge in den Pfarrhofgarten. Sowohl Hermann Edlinger als auch Franz Hufnagl haben diese Gläser heute noch und halten sie in Ehren. „Es war eine schöne Zeit, ja des war’s“ erinnert sich Zimmermann Hermann. Und der Maurer Franz ist jedes Mal mächtig stolz, wenn er nach Vorchdorf fährt und den Kirchturm sieht. Es folgten noch 10 weitere Turmbaustellen für Edlinger, und 5 für Hufnagl. Darunter die Stiftskirche Rein und weitere Pfarrkirchen-Türme etwa in Gutau, St. Peter/Wimberg oder in Eberstalzell.

 

Text/Recherche: vorchdorfmedia e.U.

Fotos: Archiv Hermann Edlinger

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